König der Stäbe

Der Hit des deutschen Schlagersängers Tony Holiday stammt zwar aus dem Jahre 1977, ist aber heute noch ein richtiger Ohrwurm. Der Stimmungsmacher fehlt auf keiner Party: „Tanze Samba mit mir!“

„Aaha, Aaha, Du bist so heiß wie ein Vulkan.
Aaha, Aaha, Und heut verbrenn ich mich daran.“

König der Stäbe

„Tanze Samba mit mir“

Der Sänger hatte zwar sicher eher eine Königin im Sinn, doch für mich passen diese Zeilen hervorragend auf den König der Stäbe. Ob nämlich als heißblütiger Latin Lover oder charismatischer Anführer – dieser Herr kann uns ganz schön ins Schwitzen bringen. Und mehr noch: die Begegnung mit ihm wird schnell ein riskantes Spiel mit dem Feuer. Eigentlich nicht wirklich verwunderlich, bedenken wir, dass diese Hofkarte vom Golden Dawn als Feuer des Feuers bezeichnet wurde – also als das cholerische Element in seiner reinsten Form, das hoch explosiven Brennstoff abgibt. Und astrologisch wird der auch als „Herr des Blitzes und des Feuers“ oder „Vater der Vorstellungskraft“ bezeichnete Charakter mit dem dynamischen Schützen und dem brodelnden Skorpion in Verbindung gebracht.

Was wir uns unter dieser Kombination genau vorzustellen haben, lässt sich sehr schön an Carl Röhrigs Interpretation der Karte ablesen. (Einfügen Röhrigs Ritter der Stäbe)
Sein leicht überheblich wirkender, aber durchaus sehr anziehender Ritter der Stäbe (der Künstler folgt der Namensgebung des Thoth Tarot) verkörpert schützige Entschlossenheit und Visionskraft ebenso wie skorpionische Präzision und Kontrollverlangen. Die Leidenschaft und scharfe Intuition, die beiden Tierkreiszeichen zu eigen sind, „feuern“ den hier dargestellten Kämpfer im wahrsten Sinne des Wortes an und machen ihn zu einem attraktiven Partner-Suchbild. Schließlich wollen wir nicht alle einen stabilen Münz-König, romantischen Kelch-Ritter oder verstandesbetonten Schwert-Prinzen. Manche sehnen sich eher nach wild-erotischen Abenteuern und unwiderstehlicher Verführung. Die kann uns dieser temperamentvolle Ritter einen Tanz lang sicher bieten, doch ob wir noch ein zweites Mal aufgefordert werden – das ist allerdings nie gewiss.
Unbeständigkeit ist jedoch nicht seine größte Schwäche: Ein wirklich ungebändigtes Exemplar kann er uns und sich selbst sogar wie ein plötzlich ausbrechender Waldbrand gefährlich werden. Will sagen, er kann heftigen Jähzorn, beißenden Zynismus oder sogar fanatische Verbohrtheit entwickeln. Röhrig zeigt ihn jedoch in seiner gereiften Form: allzeit startbereit, das gezügelte Feuer im Hintergrund für eine lohnende Sache einzusetzen und durch dynamisches, oft unerwartetes Handeln im richtigen Moment Bewegung oder sogar radikale Kehrtwendungen in eine Angelegenheit zu bringen. Ob in der Liebe oder in der Arbeitswelt – dieses Pokerface lässt sich so leicht nicht in die Karten schauen und gewinnt eine Zockpartie stets. Aleister Crowleys Ritter der Stäbe, an dem sich Röhrig orientiert, scheint diese Gelassenheit eher nicht gegeben zu sein. Frieda Harris’ prachtvolle Karte betont nämlich ein der Gestalt innewohnendes Paradox, das die Tarot-Expertin Rachel Pollack in ihren Tarot-Weisheiten wie folgt beschreibt: „Es ist die Natur der Herrscher, auf ihren Thronen zu sitzen, um zu regieren, Gesetze zu verabschieden und Hilfe suchenden Bittstellern zur Verfügung zu stehen. Es ist die Natur des Feuers, sich zu bewegen, nach Freiheit zu streben und abzulehnen, was es klein halten will.“

Tatsächlich müssen wir uns beim Anblick des Bildes fragen, wer hier eigentlich wen regiert.
Schließlich umhüllt das hell lodernde Feuer den Reiter wie ein Flammenmeer. Und hat der schwer gerüstete Mann sein sich wild aufbäumendes Pferd auch tatsächlich unter Kontrolle? Oder was machen wir mit dem Wind, der aus allen möglichen Richtungen bläst und unseren Helden leicht aus dem Sattel heben könnte?
Crowley ist sich durchaus bewusst, dass er hier eine schwankenden Persönlichkeit dokumentiert. In seinen Stichworten bezeichnet er diese Figur denn auch als großmütig, stolz, impulsiv und schnell handelnd, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass er durchaus übelgesinnt, grausam, bigott und gewalttätig werden kann. Es ist jedoch genau diese feine Gradwanderung zwischen leidenschaftlicher Glut, gerüstetem Verstand und tierischem Trieb, die diesem Ritter seine Kraft und Selbstsicherheit verleiht. Die es ihm ermöglicht, sich gegen alle äußeren Widerstände durchzusetzen. Ob positiv oder negativ ausgeprägt: der Ritter der Stäbe ist in jedem Fall ein höchst mächtiger Mann.
Tarot-Autor Armin Denner verdeutlicht dies, wenn er ihn wegen seiner Darstellung im Profil und seinem nach links gerichteten Blick als eng verbunden mit dem ebenfalls in Flammen stehenden Crowley-Harris Trumpf IV – Der Kaiser – beschreibt. crowleys-kaiser

Und auch der Crowley-Experte AKRON sieht den Streiter als wahren Her-Zog, als jenen Heerführer also, der wie ein junger König Artus vor seinen Mannen in die Schlacht zieht und sie durch seinen eigenen Einsatz und Mut zum Sieg führt. Oder aber gemeinsam mit ihnen wie ein Leonidas untergeht.
Diese sehr treffende Charakterisierung wird dadurch untermauert, dass der Reiter eine riesige Fackel schwingt, die stark an das Ass der Stäbe erinnert: Zeichen energischen Willens, der sich enthusiastisch neuen Projekten zuwendet. Die Fackel macht den Ritter der Stäbe auch zu einem Lichtbringer und Visionsgeber, der allen, die ihm folgen, erleuchtende Impulse in vielleicht dunklen Momenten verleihen kann. Doch wie es mit den kurzlebigen Fackeln so ist – klappt die Umsetzung dieser Inspiration beim ersten Anlauf nicht sofort, sind oft die Ressourcen verbraucht und vereiteln – neben feuriger Ungeduld – einen neuen Versuch. Somit warnt dieser Ritter auch davor, nicht kopflos, nur aus einer plötzlichen Eingebung heraus, zu agieren, sondern sich in Selbstbeherrschung zu üben, bis der richtige Moment gekommen ist.

Dies scheint der Feuer-König von Arthur E. Waite und Pamela Colman Smith bereits gelernt zu haben. Die vielen Löwen auf der Karte verbinden ihn mit dem gleichnamigen, erfolgsgewohnten Tierkreiszeichen und lassen ihn um einiges gesetzter wirken als seinen Schütze-betonten Crowley-Bruder. Das zweite auf der Karte abgebildete Schutztier – der der Legende nach im Feuer wohnende Salamander – verleiht diesem eigentlich schon sehr beeindruckenden Herrscher noch das gewisse geheimnisvolle Etwas, das ihn einfach unwiderstehlich macht.

Auch wenn er im Gegensatz zur Thoth-Version auf einem Thron sitzt – sein Körper wirkt ebenfalls angespannt und jeder Zeit bereit zum Sprung. Vielleicht würde er es lieber seinem leichtlebigen Vasallen, dem Ritter der Stäbe gleichtun, und sich einfach mit ihm ins Abenteuer stürzen ohne einen Gedanken an Morgen zu verschwenden. Doch da er nun mal zum Stillsitzen und Regieren eingesetzt ist, übt er sich wenigstens in einem dynamischen Regierungsstil – mit aufrecht gehaltenem Zepter-Stab in der rechten, aktiven Hand. Dass er wie alle Könige im Waite-Smith Tarot eine „Schirmhaube“ trägt, zeigt auch, dass er bereit ist ein gerechter, strenger und entschiedener Schirmherr seines Volkes zu sein. Hajo Banzhaf sieht ihn als Verkörperung eines Barbarossa oder Salomon – legendäre Lichtgestalten der Gerechtigkeit, die auch heute noch gern als Erlöserfiguren gesehen werden. Es ist erneut Rachel Pollack, die auf die Schattenseiten solcher Mächtigen hinweist: Sie vergleicht den Stab-Regenten mit Julius Caesar, dem Imperator par excellence. Der General übernahm Rom und machte sich selbst zum einzigen Herrscher der demokratisch organisierten Stadt. Somit beleidigte er den Senat und besiegelte seine blutige Ermordung. Wir lernen: Die Hybris dieses feurigen Herrschertypus, dem auch der Löwe Napoleon zugesellt werden kann, ist sicher seine Arroganz. Er sollte unbedingt lernen, allen Menschen – auch denen, die er als unter seiner Würde betrachtet – mehr Umsicht und Respekt entgegenzubringen.

Ziehen wir die Karte in einer Legung, sollten wir über unsere aktiven feurigen Persönlichkeitsanteile nachdenken und darüber, wie wir sie derzeit ausleben. Themen wie Überheblichkeit, vorschnelle Impulsivität und Zorn könnten angesprochen werden, aber auch wichtige Fragen wie: „Entfalte ich derzeit eigentlich mein volles Potential?“, „Was sind meine Führungskompetenzen?“, „Wofür brenne ich?“ oder „Was bin ich bereit, für ausgelebte Leidenschaft zu zahlen?“. Denn vergessen wir nicht: Dieser Mann ist so heiß wie ein Vulkan: Wir können uns an ihm ordentlich die Finger verbrennen, wenn wir ihm fraglos die Führung überlassen.