Buben der Münzen

Glauben Sie an Ihre Träume!

Obwohl sich die Interpretationen dieser erdverbundenen Achter-Kartebei den Tarot-Klassikern Crowley-Harris (Acht der Scheiben) und Waite-Smith (Acht der Münzen) auf den ersten Blick unterscheiden, werden sie doch von der gleichen fruchtbar-optimistischen Energie getragen. Denn beide stellen eine bildliche Umsetzung des Titels dar, den der Orden „Golden Dawn“ diesem Kleinen Arkanum zugeteilt hatte: Lord of Prudence, was im Deutschen mit „Umsicht“, aber auch mit „Vorsicht“ oder „Klugheit“ übersetzt werden kann.

Diese leicht puritanisch anmutenden Schlagworte entsprechen hervorragend der ebenfalls vom „Golden Dawn“ festgelegten astrologischen Zuordnung dieser Karte: Sonne in Jungfrau und ihre wirkungskräftige Einordnung in den Ernte-Zeitraum zwischen den 23. August und 1. September. So ist es wenig verwunderlich, dass sich die Themen dieses Tierkreiszeichens und des Erntemonats September – wie z.B. Reifung, Wachstum, Ordnung und Strukturierung – in beiden Decks widerspiegeln.Überprüfbare, geerdete und durchdachte Qualitäten wollen sich hier durchsetzen. Um von ihnen bestmöglich zu profitieren, sollten wir allerdings etwas Geduld mitbringen. Denn ganz anders als bei der Schwesterkarte Acht der Stäbe, deren Untertitel „Schnelligkeit“ Programm ist, müssen wir hier konzentriert warten oder erst einmal etwas investieren, bevor die angelegte Saat aufgeht.

Die Acht der Münzen

Der Steinmetz ist ein Künstler

Wie genau äußert sich dies nun in der jeweiligen bildlichen Umsetzung? Arthur E. Waite betont in seinem Bilderschlüssel zum Tarot, dass es sich bei dem Mann auf dem von Pamela Colman-Smith entworfenen Kartenmotiv nicht wie gern zitiert um einen einfachen Handwerker, sondern um einen Künstler, einen Steinmetz, handelt. Laut Waite stellt er stolz seine „Trophäen“ – die bereits bearbeiten Münz-Kunstwerke – aus. Wie schon die Drei der Münzen weist auch diese Karte somit auf den Initiationsweg der Freimaurer hin, mit dem sich Waite ausgiebig beschäftigte. Diesmal wird allerdings nicht mit vereinten Kräften an einem Gotteshaus und am „Großen Werk“ gezimmert.

Der abgebildete Mann befindet sich außerhalb von Stadt und Gemeinschaft und arbeitet völlig alleine und versunken vor sich hin. So wird die Karte zum Symbol für die eigenständige innere Arbeit, die wir leisten müssen, wenn wir im Leben mehr als nur einen Beruf, nämlich unsere Berufung, ausleben wollen. Wie das gelingen kann, erfahren wir, wenn wir es dem Steinmetz gleichtun. Er beseelt die vor ihm liegenden Münzen mit dem Pentagramm, dem Zeichen der vier irdischen Elemente plus dem geistigen Prinzip, das – bewusst oder unbewusst – in uns Menschen und der Natur wirkt.

Dies heißt: Er prägt seine Arbeit mit seinem Talent und mit seiner Hingabe. Auch uns fordert die Karte auf, die uns ganz eigenen Fähigkeiten zu entdecken und auszudrücken. Dies kann am besten geschehen, wenn wir uns bewusst und konzentriert jeder anstehenden Arbeit und Herausforderung widmen, wenn wir sie nicht als notwendiges Übel, sondern als Möglichkeit der Selbsteinweihung und als Erkenntnisprozess betrachten: Arbeitsprozess als Meditation.

Wesentlich abstrakter kommt die Interpretation des Crowley-Harris-Decks daher. Ein fest verwurzelter Baum mit acht prächtigen Blüten vor goldgelbem Hintergrund – Lady Frieda Harris’ brillante symbolische Umsetzung der fruchtbaren Sonne-in-Jungfrau-Energie. Gleichzeitig können wir in dieser Abbildung auch eine Anspielung auf den mystischen Geldbaum sehen, an dessen Zweigen materieller Reichtum im Überfluss gedeiht. Der erblühte Stamm deutet außerdem auf den kabbalistischen Lebensbaum hin, denn Crowley legt in seinem Buch Thoth besonderen Wert darauf, dass die Acht der Scheiben mit der neunten Sephirah Hod in Erde verbunden ist.

Hod und Tierkreiszeichen Jungfrau teilen eine besondere Verbindung mit Planet Merkur, der für unsere Veranlagung in Sachen Kommunikation, Denken und sicher auch für unseren Geschäftssinn verantwortlich ist. Auch Gott Hermes, Schutzpatron der Händler und geflügelter Reisender zwischen den Welten, wird durch diesen Planeten repräsentiert. Diese Karte steht somit unter seinem Patronat und verspricht gutes Gelingen unserer Projekte, wenn wir sie sorgfältig hegen und pflegen. Laut Crowley heißt das, hier wird nicht nur unser Körpereinsatz, sondern auch unsere Intelligenz gefordert. Sie soll „liebevoll auf materielle Angelegenheiten angewendet“ werden. Somit weist Crowleys Interpretation gleich Waites auf die Notwendigkeit der Ausarbeitung unserer Talente hin. Auch der von Waite durch den Steinmetz symbolisierte Erfolg durch Bodenständigkeit findet sich hier wieder, denn Crowley sieht die Acht der Stäbe als Ausdruck der tatkräftigen Energie von Landwirten, Handwerkern und Ingenieuren.

Ebenso findet die von Waite angedeutete Beseelung der Materie in den acht fünfblättrigen Blüten ihren Niederschlag. Hinter der Zahl 5 verbirgt sich nämlich aus numerologischer Sicht der Trumpf Hierophant, der hier für den notwendigen Glauben und das Vertrauen dafür steht, dass der Baum nicht nur Blüten, sondern dereinst auch Früchte tragen wird. Und ein weiterer Trumpf scheint wichtigen Einfluss auf diese langsam gedeihende Reifungskarte zu nehmen: Der Eremit, der laut dem „Golden Dawn“ wie die erdige Acht der Jungfrau zugeordnet ist. Er kann uns Suchenden bei der Entfaltung von Weisheit und Forschung nach Berufung und Lebenssinn durch den Abstieg in unsere eigenen Tiefen sowie das Schürfen und Zutagefördern unserer inneren Werte und Potentiale behilflich sein. Hier finden wir natürlich den allein vor sich hin arbeitenden Waiteschen Steinmetz wieder, doch muss die Suche nach der eigenen Berufung – selbst wenn sie immer ins Innere gehen muss – keinesfalls stets ein einsamer Weg sein.

Die Acht der Scheiben/Münzen

Populus

Dies hat der Künstler Carl-W. Röhrig sehr anschaulich in seiner Version der Acht der Scheiben heraus gearbeitet. Diese offensichtliche Anspielung auf den oben beschriebenen Geld-Lebensbaum setzt bildlich die von Crowley auf dieser Karte eingeführte geomantische Figur „Populus“ um (Wir sehen dort jeweils vier Blüten, die eine Reihe bilden, und einer gleichen Reihe gegenüber liegen), die für fruchtbare Gemeinschaft und ernstzunehmende Kooperation steht. Auf Röhrigs Karte begegnen sich denn auch Menschen auf gleicher Ebene. Sie haben einen gemeinsamen Traum, eine Vision, die den fedrigen „Wunschbaum“ zum Leuchten bringt. Im Team, scheint diese Karte uns sagen zu wollen, wird sich die persönliche und doch geteilte Vision umso schneller und effektiver umsetzen lassen.

Ob nun in stiller Konzentration oder in Gesellschaft Gleichgesinnter: Fällt die Acht der Scheiben/Münzen in einer Legung, so sind wir dazu aufgerufen, über unsere Fähigkeiten und die inneren und äußeren Wachstumschancen bezüglich unserer Fragestellung nachzudenken.

Wo können wir uns am besten in unserer eigenen Sonne sonnen und wodurch können wir lang anhaltende Freude und Zufriedenheit erfahren? Wo dieses Arkanum auftaucht, ist kein Gedanke zur persönlichen und auch finanziellen Entwicklung zu gewagt gedacht. Es geht nur darum, ihn Wurzeln schlagen zu lassen und sich darüber klar zu werden, was wir bereit sind, für unsere Träume zu investieren.