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Wer verzeiht, lebt länger

Petra Brandenstein

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Die hohe Schule des Vergebens

Der Partner gesteht einen Seitensprung, die Kollegin spinnt hinterrücks eine bösartige Intrige, die beste Freundin plaudert ungeniert ein intimes Geheimnis aus – und plötzlich gerät der gesamte Alltag ins Wanken. Ganz klar: Betrogen, hintergangen und verletzt zu werden, tut weh. Man ist wütend auf die blutjunge Blondine, mit welcher der Liebste durchgebrannt ist. Man ist enttäuscht von der Kollegin, die in der Früh zwar immer so nett „Guten Morgen“ sagt, heimlich aber bei allen anderen – inklusive dem Chef – über einen lästert. Und man ist traurig, dass die vermeintlich beste Freundin überall herumerzählt, wie man sich die perfekte Liebesnacht vorstellt.

So sehr es auch schmerzt, von den liebsten Menschen im Leben enttäuscht zu werden, von den Menschen, für die man selbst alles getan hätte – man wird krank, wenn man nicht verzeiht. „Der Groll, die Wut, die Bitterkeit und die Unversöhnlichkeit nagen an der Seele und versetzen uns in einen chronischen Spannungszustand“, weiß die psychologische Beraterin und Buchautorin Beate Weingardt (www.beate-weingardt.de). Der Körper wehrt sich und reagiert darauf mit seinem fest installierten Alarmprogramm: So schnellt zum Beispiel der Blutdruck in die Höhe, die Herzfrequenz steigert sich, die Muskeln spannen sich an oder der Magen-Darm-Trakt leidet. „Das Ausschütten der Stresshormone bedeutet ein extremes Risiko für unsere Gesundheit, weil es unser Immunsystem angreift und schwächt“, warnt Weingardt und verweist dabei auf entsprechende Ergebnisse von Langzeit-Studien. Doch damit nicht genug: Laut einer Untersuchung sei eine feindselige Einstellung anderen Menschen gegenüber der gewichtigste Faktor für einen frühzeitigen Tod.

Warum das Vergeben so wichtig ist

Nichtverzeihen ist also „stressig“ – auch, wenn man sich dessen in vielen Situationen gar nicht so bewusst ist. Denn Gehirn-Forscher haben herausgefunden, dass der Mensch am glücklichsten ist und am besten „funktioniert“ – sowohl geistig, seelisch als auch körperlich –, wenn er in harmonischen Beziehungen lebt. „Die viele Energie, die wir für das Nachtragen von anderer Leute Sünden brauchen, könnte viel sinnvoller eingesetzt werden“, bringt es die Expertin auf den Punkt, „sonst fehlt uns die Power für die täglichen Aufgaben des Lebens.“ Sie fehlt uns für Menschen, mit denen wir leben und arbeiten, die wir lieben und schätzen – und die wir nicht vernachlässigen sollten. Insofern ist es laut Weingardt sogar eine Form der bewussten Liebe zu sich selbst und zu seinen Nächsten, durch Verzeihen langfristig Frieden in die Seele einkehren zu lassen.

Wer von Herzen vergibt, dem fällt sprichwörtlich ein „Stein vom Herzen“, diese tonnenschwere Last wandelt sich in ein unbeschwertes Gefühl. Sogar wissenschaftliche Forschungen belegen, dass man dabei eine große Erleichterung verspürt und sich auch mögliche, bereits eingetretene, körperliche Beschwerden deutlich bessern – und langfristig gesehen oft sogar ganz verschwinden. Man ist selbstbestimmt, fröhlicher und ermöglicht so einen Neubeginn. „Wer verzeiht, gibt dem anderen die Möglichkeit, einen neuen Schritt in der Beziehung zu gehen“, so die psychologische Beraterin. Dadurch können sogar Beziehungen, die durch Nicht-Vergeben bereits „totgelaufen“ waren, wieder belebt werden.

Warum es vielen Menschen so schwer fällt

Der Mensch hat bereits von Kindesbeinen an einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. „Und Verzeihen ist ein Verzicht auf diese Gerechtigkeit“, weiß die Expertin, „weil der Verzeihende ja auf die böse Rache, die Sühne und die Vergeltung von dem Bösen – das ihm seine Meinung nach angetan wurde – verzichtet.“

Außerdem sieht man sich dann nicht mehr als armes, unschuldiges Opfer der Situation. Vielen Menschen fällt das besonders schwer, weil man aus dieser Rolle auch viele Vorteile zieht: man kann sich selbst bemitleiden, man muss sich nicht mit der eigenen Schuld oder Mitschuld auseinandersetzen und man kann den „Täter“ manchmal sogar damit unter Druck setzen. Und nicht zuletzt haben viele Menschen Angst, dass der andere ein Verzeihen als eine Art Freibrief missbrauchen könnte. „Hier muss ganz klar gemacht werden, dass das Vergeben dem gilt, was sich nicht mehr rückgängig machen lässt – und nicht dem, was noch kommen kann“, erklärt Weingardt, die weiß, dass Frauen in der Regel schneller und leichter zu verletzen sind als Männer. Und deshalb hat die Damenwelt dementsprechend wohl grundsätzlich auch mehr zu verzeihen. „Frauen machen ihr Selbstbewusstsein eben stark von den Rückmeldungen der Menschen in ihrem Umfeld abhängig“, erklärt die Expertin. Und das macht sie automatisch verletzlicher – was nicht heißen muss, dass sie auch automatisch leichter verzeihen. „Ich beobachte jedoch, dass Frauen eher bereit dazu sind, sich mit den Verletzungen auseinander zu setzen“, so Weingardt weiter. Männer hingegen verdrängen lieber – nicht nur weil sie es als unangenehm empfinden, darüber nachzudenken, sondern auch, weil ihnen oft der für so ein sensibles Thema notwendige Gesprächspartner fehlt, mit dem sie über ihre Gefühle offen und ehrlich sprechen können.

Auch das Vorbild der Eltern spielt beim Prozess des Verzeihens eine wichtige Rolle. Was einem vorgelebt wurde, ist gewichtig: Unversöhnlichkeit oder Vergebungsbereitschaft? Wurde darüber gesprochen oder war es tabu? Konnte man um Entschuldigung bitten, wenn man einen Fehler gemacht hat? All dies prägt unseren Umgang mit Verletzungen im Erwachsenenalter entscheidend. „Dennoch ist es nie zu spät, die Kunst des Vergebens zu lernen und zu verbessern“, weiß Weingardt.

Die Grenze zwischen Verzeihen und Nachgeben – wie man nicht zum Opfer wird

Egal ob Seitensprung, Intrige oder Enttäuschung – wird man verletzt, muss man sich fragen: Wie konnte das geschehen? Warum gab ich dem anderen so viel Macht über mich, dass er mich so verletzen konnte? Weingardt: „Erst indem man – möglich zusammen mit dem anderen – darüber nachdenkt, wie man einander künftig gegenübertritt und eventuell mit mehr Abstand begegnet, kann man verhindern, dass es nur eine ‚Alles-oder-Nichts-Lösung’ gibt!“ Neben dem „Ganz“, also dem Neu-Versuch, und dem „Gar nicht“, also der Trennung, sollte es laut der Expertin noch einen dritten Weg geben: Nämlich den, durch den man Abstand zum anderen findet und zugleich die Stärke in sich hervorhebt und unterstreicht, die verhindert, dass der andere einem jemals wieder so weh tun kann. Und die schließlich ermöglicht, die Pfosten für die nötige Abgrenzung zum „Täter“ zu stecken.

Grundsätzlich sei gesagt, so die Expertin, dass es nichts gibt, das man nicht verzeihen dürfte – aber einiges, was man einfach nicht mehr verzeihen kann. Ihre Erfahrungen zeigen: Es liegt vorwiegend an der geistig-seelischen Einstellung und Entwicklung des „Opfers“, die es manchem ermöglichen, auch scheinbar allerschwerste Vertrauensbrüche zu verzeihen. Doch oft ist es ein langer und mühsamer Weg dahin – und diesen kann man in vielen Fällen nicht alleine gehen. „Natürlich kann mit diesem Vergeben durchaus die Entscheidung verbunden sein, mit diesem Menschen in Zukunft nichts mehr zu tun haben zu wollen“, weiß Weingardt, „und in manchen Lagen ist das durchaus sinnvoll.“ Wichtig ist aber, den Ärger loszulassen, um sich selbst von der Last zu befreien – wie immer auch die weiteren Schritte im Verhältnis zum anderen aussehen mögen.

Wann ein Neuanfang möglich ist

Der „Täter“ muss den Schmerz, den er seinem Partner zugefügt hat, respektieren und den klaren Willen zeigen, ihn in Zukunft nicht mehr an diesem Punkt zu verletzen. Bekommt man etwa bei einem sexuellen Seitensprung nur den Satz „Ach, das ist ja nicht so schlimm, stell dich nicht so an“ zu hören, ist ein Neustart einfach nicht möglich, weil der „Täter“ damit signalisiert, dass ihm die Verletzlichkeit des anderen herzlich egal ist.

Nur wenn man fortan Sorge dafür trägt, nicht wieder so eine Enttäuschung erleben zu müssen, hat die Beziehung oder Freundschaft eine neue Chance verdient. Denn wenn jemand ein Versprechen gebrochen hat, sollte man achtsam sein. „Mit diesem Abstand und dieser Abgrenzung vermindert man das Risiko, erneut so stark und so plötzlich verletzt zu werden“, so die Expertin. „Man kann auf Dauer nur mit Menschen gut und glücklich zusammenleben, die uns mit Achtung begegnen – dazu gehört auch die Achtung vor unseren persönlichen Grenzen.“ Diese Achtung muss er aber in jedem Fall auch dem anderen gegenüber aufbringen – und unter Umständen auch an seinen beziehungsweise den eigenen „Wunden“, der Verletzlichkeit arbeiten, was wiederum viel mit der Arbeit am eigenen Selbstbewusstsein zu tun hat.

Wie Vergeben in wenigen Schritten gelingen kann

1.) Gefühle ehrlich eingestehen: Man darf die eigenen Emotionen weder bagatellisieren, noch verdrängen, noch verleugnen. Lassen Sie die Gefühle zu, lassen Sie die Wut raus! Es ist völlig in Ordnung, im ersten Moment nach einer Trennung bei der besten Freundin auf der Couch zu sitzen und Hunderte Geschichten zu erzählen, die beweisen, wie mies der Typ eigentlich war – um nur wenige Augenblicke später in Tränen auszubrechen und in den ach so schönen Erinnerungen zu schwelgen. Dieses Wälzen in Emotionen – von Wut über Trauer, Freude bis hin zu Eifersucht – gehören dazu, sagen Experten, denn es ist befreiend und hilft bei der Bewältigung. Alles, was unverarbeitet runtergeschluckt wird, kommt irgendwann später wieder hoch. In dieser Phase sollte mit dem, der einen verletzt hat, auf Abstand gegangen werden – um die eigenen Gedanken besser ordnen zu können.

2.) Mit Erfahrung auseinandersetzen: Im zweiten Schritt werden diese Gedanken nochmals in ihre Einzelteile zerlegt. Warum hat mich das Verhalten des anderen so getroffen? Wusste der andere, dass er mich damit so sehr verletzt? Habe ich ihn möglicherweise zuvor so verletzt, dass dies nur eine Reaktion darauf war? Fragen über Fragen – deshalb sollte man hier neutrale Freunde zu Rate ziehen. Ziel ist es nämlich, das Erlebte mit anderen Augen zu sehen, unter neuen Voraussetzungen, es neu einzuordnen, indem man es zu verstehen versucht.

3.) Sich selbst verzeihen: Seien Sie jetzt ganz bei sich! Denn egal wie eine Situation auch ausgehen mag – ob eine Nacht in fremden Betten das Ende der Beziehung mit sich bringt, oder ob man den Job hinschmeißt, weil man die Intrigen nicht mehr aushält: Vorraussetzung, um anderen vergeben zu können, ist, sich selbst zu lieben. Ein befreiendes Gefühl wird der Lohn für diese Überwindung sein.

4.) Innerlich vergeben: Bevor man diesen Schritt geht, sollte man ganz stark in sich selbst hineinhören und hinterfragen, ob man innerlich wirklich bereit dazu ist, diesen zu tun. Auch wenn die beste Freundin noch so drängelt und meint „Jetzt verzeih’ ihm doch mal“ – tun Sie nur das, was Ihnen Ihr Herz und Ihre innere Stimme sagt. Egal, wie Sie sich entscheiden – ob Sie sich von diesem Menschen verabschieden oder es noch einmal mit ihm versuchen – Sie müssen alles dafür tun, dass die Verletzung heilt – und ohne Vergeben kann sich keine Wunde schließen. Wer weiterhin Groll hegt, reißt die zarten Narben immer wieder auf.

Wenn der tiefe Friede einkehrt

Die Emotionen, die Leichtigkeit, die man nach dem Vergeben spürt, zeigen deutlich, dass man am Ziel ist. Wer sich innerlich befreit fühlt, hat es geschafft, den Berg des Leids zu überwinden. „Und das ist die schönste Belohnung für diese emotionalen Eskapaden“, weiß Weingardt. Auch wenn die Überwindung noch so groß war – und egal ob die „Täter“ immer noch präsent sind oder der Kontakt abgebrochen wurde – man ist mit sich selbst wieder im Reinen. Und die Kraft, die investiert wurde, kehrt endlich wieder zurück. Schon Mahatma Gandhi war klar: „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft der Starken.“