nic

Eheschließung als Heilmittel für die Seele

Rolf Schoenrock

Bereich: berater-finden

Bewertung:
Gratis anrufen ►

Eheschließung als Heilmittel für die Seele

Dass so manche Frau mit dem Ehering am Finger eine andere Persönlichkeit entwickelt, gehört zu den volkstümlichen Spruchweisheiten, die man gern mit einem Lächeln zitiert. Dass jedoch depressive Personen nach der Eheschließung „gesunden“ und ihr seelisches Befinden entscheidend verbessern, ist neu.

Eine aktuelle Studie aus Ohio zeigt, dass Menschen, die vor ihrer Eheschließung unter Depressionen litten, nach dem Gang zum Standesamt oftmals eine gravierende Verbesserung ihrer Gesamtsituation angeben. Purer Zufall? Oder gibt es eine Gesetzmäßigkeit, die den Zusammenhang zwischen Lebenspartnerschaft und psychischer Stabilität erklären kann?

Wir fragen nach dem Wesen der Depression und dem Wechselspiel zwischen jener gefürchteten „schwarzen Nacht der Seele“ und einer erfüllten Beziehung.

depression_ehe_2Ein überraschendes Ergebnis

Unverhofft kommt oft – gerade in der wissenschaftlichen Forschung. Eigentlich wollten die Forscher aus Ohio beweisen, dass Menschen mit depressiver Vorgeschichte Schwierigkeiten in ihrer Ehe erleben, sich weiterhin unglücklich fühlten und möglicherweise sogar eine höhere Trennungs- und Scheidungsquote aufweisen. Das Gegenteil war jedoch der Fall: von über 3000 Befragten, die vor dem Ringtausch unter Depression litten, gab eine überwältigende Mehrzahl an, sich seitdem seelisch viel stabiler und gesünder zu fühlen. Auch die Qualität der Partnerschaft, entgegen der Erwartung der Soziologen, schien nicht beeinträchtigt.

Therapie via Standesamt?

Die Ohio-Studie zeigte also, dass Menschen, die vormals unter Depressionen litten, nach ihrer Eheschließung eine enorme Verbesserung ihres seelischen Befindens erlebten. Wie kann das sein? Depression ist eine der bekanntesten seelischen Erkrankungen mit einem hohen Vorkommen in der Bevölkerung: mehr als 70% aller deutschen Frauen geben an, schon mindestens einmal im Leben depressiv gewesen zu sein. Insofern könnte man ironisch fragen, ob die Wahrscheinlichkeit für einen Mann, eine Dame mit depressiver Vorgeschichte zum Traualtar zu führen, nicht schon aus statistischen Gründen sehr hoch sei. Doch mit Depression lässt sich nicht spaßen! Die Forscher aus Ohio waren sich der Schwere dieser Erkrankung bewusst und rätselten, warum die „dunkle Sonne der Seele“ im Zweierpack bewältigbar sei.

Depression ist nicht gleich Depression

Der Begriff „Depression“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Niedergeschlagenheit, wörtlich „Niedergedrücktheit“. Diese Umschreibung entspricht auch recht genau dem, was Betroffene über ihr Befinden berichten: ein andauerndes Gefühl der Trauer, Mutlosigkeit und Resignation, die Befürchtung, alles könne sinnlos sein, und ein Verzweifeln an den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Diese starke seelische Erschöpfung geht oft mit somatischen Beschwerden wie Ein- und Durchschlafstörungen, Appetitmangel und Libidoverlust einher. Oftmals ziehen sich depressive Menschen auch sozial zurück, vernachlässigen Freunde und Arbeitskollegen oder verschlechtern sich gravierend in ihrer beruflichen Leistung, weil ihr Selbstbewusstsein schwindet und sie sich anspruchsvollere Aufgaben nicht mehr zutrauen.

Einmal in der Depression angelangt…

…kann sich die Krankheitsspirale schnell drehen: von der so genannten „leichten Depression“ (minor depression), die von Fachleuten oft scherzhaft als „gewöhnliche Grippe der Psychopathologie“ bezeichnet wird, da sie so stark verbreitet und an sich harmlos ist, bis zur „grossen Depression“ (major depression) ist es eine Frage der Zeit. Manifestiert sich eine grundsätzlich ungefährliche leichte Depression über Wochen oder sogar über Monate, ändern sich möglicherweise auch die Lebensumstände des Betroffenen zum Negativen hin, besteht die Gefahr, statt zu gesunden an der grossen Depression zu erkranken. Diese ist ein gefährlicher und im äußersten Fall sogar lebensbedrohender Zustand, da er im Suizid gipfeln kann. „Die schwarze Nacht der Seele“, von der die Dichter sprechen, ist eine psychische Ausnahmesituation, in der der persönliche Leidensdruck so hoch werden kann, dass ein Selbstmord als einzige Fluchtmöglichkeit aus einem sinnentleerten Dasein erscheint.

Psychologische Hintergründe

Warum Menschen überhaupt depressiv werden, ist noch nicht eindeutig geklärt. In der Antike führte der große Arzt Claudius Galen alle psychischen und körperlichen Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte zurück: gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim. Depressive Menschen sollen ihm zufolge zuviel schwarze Galle (griechisch „melan cholia“) besitzen und daher ein primär organisches Problem erleiden, das zu seelischen Folgen wie Niedergeschlagenheit und Erschöpfung führt. Da die „Melancholie“ solcherart als körperliche Fehlfunktion und nicht als psychologisches Leiden verstanden wurde, wurde sie folgerichtig auch vorrangig mit körperlichen Therapien behandelt: mittels Medikamenten, die angeblich die Gallenfunktion regulieren sollten, und durch Ernährungsumstellungen. Tatsächlich zeigt die moderne klinische Forschung, dass bei leichten Depressionen eine vitaminreiche Kost eine Linderung der Beschwerden bewirken und sogar leichte Antidepressiva ersetzen kann.

Ob damit aber allen Betroffenen geholfen war und ist, bleibt fraglich. Dies umso mehr, als manche Experten die Entstehungsursache rein auf die seelisch-geistige Ebene verlagern – da hilft auch kein Multivitaminsaft mehr… Für die Theologen des Mittelalters war Depression eine Sünde, denn sie bedeutet ein trauriges Verzweifeln am Leben, das doch, der christlichen Vorstellung zufolge, ein Geschenk Gottes ist.

Die Ehe allein macht nicht glücklich

Depressiv zu sein galt als Gotteslästerung. Das erscheint uns heute als absurd, aber ein Körnchen Wahrheit ist doch darin enthalten: nicht nur hadern Depressive bekanntlich oft tatsächlich mit „Gott und der Welt“, sondern es ist auch in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass Menschen, die sich als „religiös“ bezeichnen (ob christlich, buddhistisch oder anders spielt dabei keine Rolle) geringere Depressivitätswerte aufzeigen als Menschen, die sich selbst als „gar nicht religiös“ empfinden. Ein Vertrauen in die Schöpfung, einfacher ausgedrückt: in die grundsätzliche Richtigkeit der Dinge, gibt vielen Menschen Hoffnung und „immunisiert“ offensichtlich gegen seelische Erschöpfung. Auf der Grundlage dieses Vertrauens kann man sogar auch die leichte Depression als vorübergehende Trübung am seelischen Horizont akzeptieren. In der Renaissance betrachteten Künstler die Melancholie ganz selbstverständlich als „Sparringspartner“ ihrer Kreativität: sie wussten, dass eine gewisse Erschöpfung – in Massen – notwendig mit ihrer Produktivität einhergeht.

Heute gehen wir davon aus, dass Depression multikausal ist, also mehrfache Ursachen hat. Eine persönliche genetische „Veranlagung“ zur Depression ist unter Fachleuten umstritten. Unumstritten ist, dass erschütternde seelische Erlebnisse wie massives Mobbing, Trauma, Schock oder der Verlust von geliebten Personen eine so genannte reaktive (ereignisbezogene) Depression nach sich ziehen kann. Die Grenzen können jedoch individuell viel enger gezogen sein: bei sensiblen Personen genügt oft schon ein hoher beruflicher Stress, eine erlittene Kränkung oder Zweifel an der eigenen Attraktivität, um an leichter Depression zu erkranken. Während eine große Depression behandelt werden sollte, werden viele Menschen mit einer kleinen Depression sogar selbst fertig. „Resilienz“ nennen Psychologen diese Fähigkeit des Menschen, sich am eigenen Schopf aus dem Meer der Traurigkeit zu ziehen. Unterstützende Faktoren sind dabei ein stabiles soziales Umfeld, ein gut geregelter Tagesablauf mit wenig zeitlichem Leerlauf und ein liebender Partner. Damit wären wir wieder bei der Ohio-Studie: Eheglück hilft gegen „erlittene Rohheiten“, wie Hermann Hesse es nennt, und macht stabiler.

Übersehen wir das Glück?

Wenn wir uns fragen, warum leichte Depressionen durch eine stabile Partnerschaft gemindert werden, müssen wir die Entstehungsursachen und Äußerungsformen der „minor depression“ berücksichtigen. Eine nur leichte depressive Verstimmung, die z.B. durch beruflichen Stress, Mobbing oder Burnout hervorgerufen wird, verschwindet zwar nicht von selbst innerhalb einer Ehe – doch es kann gleichsam therapeutisch wirken, sich mit einem verständnisvollen Partner auszusprechen. Hier gilt die Devise: geteiltes Leid ist halbes Leid! Auch die typischen Erscheinungsformen der leichten Depression, wie der soziale Rückzug, die Vernachlässigung des Körpers und andere werden durch eine Lebenspartnerschaft oft „diszipliniert“. Wer möchte sich schon gehen lassen, wenn Mr. Right ihn kritisch begutachtet? „Keine Lust auf die Lust“? Auch das kann sich ändern, wenn man morgens neben der Traumfrau aufwacht.

Grenzen der „Ehetherapie“

Mit dem Vollbild einer „major depression“ ist auch der einfühlsamste Partner überfordert – hier ist der Gang zum Experten unabwendbar. Tipp: Adressen von Psychologen und Psychotherapeuten für Depressionserkrankungen in Ihrer Region finden Sie u.a. in den Kontaktdatenbanken der Berufsverbände www.bdp-verband.org (Bund deutscher Diplom-Psychologen) und www.vfp.de (Verband freier Psychologen, Qualifikation nach Heilpraktikergesetz).