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Fröhliche Scheidung allerseits!

Jens Maybach

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Warum Trennungen manchmal sein müssen

„Du wirst ein zurückgezogenes Leben führen“ orakelten die gestrengen Eltern. Die Rede ist von „Effi Briest“, Theodor Fontanes unsterblicher Romanheldin aus dem 19. Jahrhundert, die nach einem Seitensprung mit einem draufgängerischen polnischen Offizier von ihrem konservativen Mann zur Scheidung gezwungen und dadurch ins gesellschaftliche Abseits gedrängt wird. Eine Scheidung war damals der Ruin, und das Leben dieser jungen Adligen ist mit Mitte Zwanzig schon zu Ende: keine Freunde, kein Geld, keine Handlungsfreiheit. Die verzweifelte junge Frau verfällt in eine Depression, wird krank und kehrt seelisch gebrochen in den Schoss ihrer Familie zurück, um dort zu sterben.

ehe_1Die Zeiten ändern sich. „Schon von Klaras Scheidungsparty gehört?“ fragt Irene. Die Party war erstklassig: ein DJ für die Musik, alle Freunde in Feierlaune, der Cateringservice mit Sushi und Süßem, kurz: Sektstimmung und Lebensgefühl pur. „Scheidung light“ – ohne Risiken und Nebenwirkungen, wenn man der Werbung glauben mag – wird zu einem gesellschaftlichen Trend. Die Zeiten von Effi Briest sind längst vorbei. Eine Scheidung ist nicht mehr der Rückzug aus dem sozialen Leben, sondern für viele Männer und Frauen ein Wiedereinstieg in die Gesellschaft, eine Phase verstärkter Kontakte, eine neue Situation von Spaß und Selbstfindung.

Einfache Onlinevorgänge, die inzwischen von vielen Anwälten angeboten werden, erleichtern das Procedere bis zum Gerichtstermin ganz erheblich. Die Scheidung per Mausklick ist zwar noch nicht möglich, doch die Handlungsschwellen sind drastisch gesenkt und vom Entschluss über den Plan bis zur Umsetzung sind heute weit weniger Hürden gesetzt als je zuvor. Doch damit fängt das Vergnügen erst an: Scheidungsmessen und Scheidungspartys geben den Betroffenen das Gefühl, eine ganz besonders gute Zeit zu erleben.

Der Trend kommt aus den USA: frisch geschiedene Frauen feiern „divorce parties“, um ihre neu gewonnene Freiheit mit Freundinnen – oder Freunden – feuchtfröhlich zu begießen. Erinnern Sie sich noch an den Achtziger-Jahre-Kinohit „Der Rosenkrieg“? Mr. und Mrs. Rose haben ihre Trennung bis zum furiosen Finale gefeiert: Psychoterror, maliziöse Streitsituationen bis hin zum Verbrennen der Voodoopuppe mit dem Gesicht des Gatten – alles war möglich, wenn sich Liebe in Hass wandelte. Was liegt zuletzt näher, als die ganze Dramatik in einem Fest enden zu lassen?

Mit Scheidungspartys wird ein Übergang in eine neue Lebensphase zelebriert. Vor gar nicht allzu langer Zeit noch eine Hollywood-Ausnahme, wandelt sich die Bedeutung der Scheidung heute für mehr und mehr Normalbürger in Europa. Exzesse à la Mr. und Mrs. Rose werden zur Normalität, die Scheidung hat den Makel eines gesellschaftlichen Stigmas verloren und wird zum Erlebnis mit Eventcharakter. Die Entwicklung spricht für sich. In Wien wurde der erstaunten Öffentlichkeit im Oktober 2007 eine Neuheit präsentiert: auf der ersten Scheidungsmesse der Welt konnten sich die Besucher ganz unverbindlich über Unterhalt, Vaterschaftstests und Gerichtsverfahren informieren. Der Anklang: enorm!

Die Welle erreicht Deutschland und vielleicht auch bald die europäischen Nachbarländer. Scheidungspartys sind der neueste Hit: es gibt Unternehmen, die eine ganze Scheidungsfeier organisieren, inklusive Buffet und Komiker. Und wenn Sie und Ihre Mädels lieber einen muskulösen Stripper als Entertainer bevorzugen: nichts leichter als das – Scheidungspartys mit allen Schikanen lassen sich sogar online buchen und bieten, was das Herz begehrt. Kein Wunder, dass Klara hinter vorgehaltener Hand zu Irene sagt: „Auf meiner Scheidungsparty habe ich mich besser amüsiert als auf meiner Hochzeit!“

Bei „Scheidung light“ scheint es sich um ein Phänomen mit wachsender Bedeutung zu handeln. Wie ist das zu erklären? „Früher bedeute eine Scheidung einen gesellschaftlichen Abstieg, später immerhin noch den finanziellen Ruin. Heute jedoch erleben wir eine Scheidung nicht mehr als Makel und aufgrund der neuen Unterhaltsgesetze wird das finanzielle Risiko geringer. Was jetzt gerade passiert, ist total spannend: ein gesellschaftliches Thema wird völlig neu definiert,“ erklärt die Paarberaterin Ute Fritsch aus Trier, „Früher war man unrettbar „out“, heute ist man „in“, wenn man sich vom Ehepartner trennt. Und es ist noch mehr: Scheidung ist nicht nur Leid in Tüten, sie kann auch Spaß machen.

Eine noch nie da gewesene Perspektive.“ Viele Gründe können für diese Innovation ausschlaggebend sein, meinen Soziologen. Die Vorstellung einer Ehe als lebenslänglicher Verpflichtung ist vorwiegend religiös geprägt und wird in einer Gesellschaft wie der unseren, die hohe Kirchenaustritte verzeichnet, immer weniger akzeptiert. Mit der Akzeptanz für das herkömmliche Ehemodell schwindet auch die Hürde, sich scheiden zu lassen, wenn die Beziehung einfach nicht mehr stimmt. Auch die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft hat sich drastisch gewandelt: Frauen definieren ihren Status nicht mehr primär über den Ehemann oder über den Zustand, verheiratet zu sein. Sich scheiden zu lassen, wird zunehmend als eine Praxis der Selbstbestimmung angesehen, gleichsam als emanzipatorische Geste.

Viele begeisterte Anhängerinnen von Scheidungspartys berichten, wie gut es ihrem Ego getan hat, sich an ihrem speziellen Tag für ihren Befreiungsschlag ausgiebig feiern zu lassen. Aber bedeutet die Trennungsbereitschaft zugleich auch die Tendenz, Beziehungen zu meiden? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: die frisch Geschiedenen wollen offenbar nicht lange allein bleiben. Partnerschaftsbörsen im Internet verzeichnen zweistellige Zuwachsraten. Es bleibt also modern, in einer Beziehung zu leben. Doch die Form wandelt sich, weil sich das ihr zugrunde liegende Verständnis von Beziehung wandelt: statt „lebenslänglich“ liebt man zunehmend episodenweise. Die „serielle Monogamie“ – eine Abfolge von stabilen, aber kurzfristigen Zweierbeziehungen – scheint für die meisten Bundesbürger das Modell der Wahl zu sein. In diese Prioritätensetzung passen dann auch die Tendenzen zu „Scheidung light“, Scheidungsmessen und –partys. Ein Schatten fällt jedoch auch auf Klaras und Irenes fröhliches Sektfrühstück nach dem Gerichtstermin: immer nur zu feiern, kann auch reale Ängste und Sorgen verdrängen.

Trotz aller Hochstimmung sollte man sich auf seine eigenen inneren Gefühle verlassen, empfehlen Experten. So sinnvoll es sein kann, den Schrecken einer Trennung zu verarbeiten und durch eine Neubewertung in einer positiven Perspektive zu erkennen, dass es ein lohnenswertes Leben nach der Scheidung gibt, so fatal ist es auch, sich einfach von der programmatischen Feierlaune anstecken zu lassen und den Kontakt zum eigenen Erleben zu verlieren. Nicht jede Frau – und auch nicht jeder Mann – ist eine Kämpfernatur, die hart und emotionslos das Vergangene abhaken und ohne Zeitverlust in die Feierszene stürmen kann.

„Scheidungspartys sollte man nur dann besuchen, wenn man sich tatsächlich in Stimmung fühlt“, sagt die Paarberaterin Fritsch, „denn es ist sinnlos, Gefühle der Trauer zu verdrängen. Sich und anderen etwas vorzumachen und die Lustige zu mimen, während das Herz weint, ist das Schlechteste, was man sich selbst antun kann.“ Im Zweifelsfall sei eine professionelle Beratung für frisch Geschiedene immer noch sinnvoller als eine Investition in Champagner für die Partymeute, meint die Expertin. Denn das Feiern ist nur ein kurzfristiger Effekt, der die tieferen Spannungen und Konflikte nicht löst und sie im Extremfall sogar intensiviert, sobald man sich wieder alleine fühlt. Auch Soziologen warnen vor einer problematischen Einstellung unserer Gesellschaft zu den natürlichen Empfindungen, die den Trennungsprozess begleiten.

Der Trend, Scheidungen als lustig anzusehen, ist zeitgemäß, denn in der Spaßgesellschaft gilt Trauer als verpönt. Trauer ist jedoch ein notwendiger seelischer Prozess, um Ereignisse zu verarbeiten. Ohne Trauer, Wut und all die negativen Gefühle fällt es schwer, mit der früheren Beziehung innerlich abzuschließen und wirklich reif für einen Neubeginn zu sein. Die Tendenz zu „Scheidung light“ verkennt diese Tatsächlichkeiten. Es scheint einen soziologischen Wandel von einem Extrem ins andere zu geben, von Schwere zu Leichtigkeit, von Tragik zu Komik, von Ohnmacht zu vermeintlicher Allmacht. Effi Briest und ihre Zeitgenossinnen waren Opfer: Opfer einer erstarrten patriarchalischen Gesellschaft, die Frauen nicht erlaubte, ohne Ehemann zu existieren, Opfer von Standesdünkel und Opfer von beengter Handlungsfreiheit. Wir wollen heute mit gutem Grund keine Opfer mehr sein und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Doch zum Schicksal gehört auch das Schwere. Es besteht die Gefahr, dass wir uns in gewisser Weise unseren Schmerz nicht mehr gönnen und uns dazu zwingen, ihn einfach wegzulachen. Aber kann das funktionieren?

Scheidungspartys: ein irritierendes Phänomen mit Zukunft?

Sie werden in Kürze wohl das Gegenstück zu Polterabenden bilden und immer größere, zunehmend auch konservative Kreise unserer Gesellschaft faszinieren, da sie in die Zeit passen und offensichtlich echte menschliche Bedürfnisse erfüllen. Doch um welche Bedürfnisse – außer dem heimlichen Triumph, den Ex los zu sein – es sich konkret handelt, ist unter Psychologen und Soziologen noch sehr umstritten.

Ist es Rache, Erleichterung, die kindliche Freude an der Provokation oder schlicht die Euphorie neugewonnener Freiheit, was sich da in einer schillernden neuen Eventkultur präsentiert? Oder haben wir es allgemein mit einer gesellschaftlichen Neubewertung der Partnerschaft zu tun: Beziehung ja, aber nicht mehr als stabile Lebensgemeinschaft, sondern als spaßige Etappe? Aus philosophischer Sicht würde ich sagen: Menschen brauchen Initiationen. Als Initiation (lat. „Anfang“) bezeichnet man Einführungen in lebensweltliche Zusammenhänge, Situationen mit Schwellencharakter, die einen seelischen Übergang im Leben bedeuten. Sie vermitteln uns die Gewissheit, mit einer Gruppe, einer Aufgabe und einem Menschen schicksalhaft verbunden zu sein und sie waren in allen traditionellen Gesellschaften mit großen Feiern verbunden. Man feierte die erste Monatsblutung eines Mädchens als Initiation, ebenso die Geburt eines Kindes, ebenso ein Männlichkeitsritual für die Jungen, ein spirituelles Erlebnis und vieles andere. Wer initiiert war, war in die Gemeinschaft integriert und kannte mit Stolz seinen Platz und oft auch seine bestimmte Aufgabe.

Doch unsere Gegenwart ist arm geworden an Übergangsfeiern. Es scheint sie nicht mehr zu geben, die großen Marksteine im Leben, die psychischen Grenzerfahrungen, die unsere Lebensgeschichte strukturieren und über die wir unsere Identität festhalten. Das letzte Überbleibsel der traditionellen Initiationen in der modernen Zivilisation war die Hochzeitsfeier, die einen großen Übergang darstellte und eine schicksalhafte lebenslange Verbundenheit mit einem „Du“ markierte. Doch angesichts steigender Scheidungsraten und dem Trend zur Kurzzeitehe bricht auch diese letzte Initiation zusammen und wird beliebig austauschbar. Was bleibt, ist eine Biografie mit vielen Brüchen, eine Eventkultur, der weitestgehend das sinnstiftende Element fehlt und die Suche nach einem konsumierbaren Ersatz. Vielleicht ist das die Lücke, die eine Scheidungsparty zu füllen vorgibt?