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Persönliche Freiheit in der Beziehung

Hedwig Katharina Huelsken

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„Die Liebe hat bunte Flügel und kennt Gesetze nicht und Recht und Macht“ – so singt die schöne Zigeunerin Carmen in der gleichnamigen Oper. Ob die Liebe Macht hat, würden die meisten Menschen aber schon bejahen, gilt sie doch als unsere größte Kraftquelle. Was aber, wenn wir (statt Kraft) Frustration und Bedrängung in unserer Beziehung erleben? Was, wenn unser persönlicher Freiraum aufs Unerträglichste eingeschränkt wird?

Die Konsequenz, dem klammernden Partner Lebewohl zu sagen, ist für viele hart, aber für manche unumgänglich. Man fragt sich danach zu Recht, was man falsch gemacht hat. Und auch, wie man solche Abhängigkeiten in Zukunft vermeiden kann.

Allgemeiner und beunruhigender gefragt: Ist es überhaupt möglich, die Balance zwischen persönlichem Freiraum und Beziehungsnähe zu erleben? Ja, aber es erfordert, der verführerischen Carmen zum Trotz, doch einige Regeln.

beziehung_frei_162x199Ihre Beziehung – eine „gesetzesfreie“ Zone?

Die romantische Vorstellung, dass unsere Liebe keinen Gesetzen folgt, endet oft brüsk an der Realität. Insbesondere wir Deutschen, die wir ja über eine zunehmende Reglementierung und Bürokratisierung unseres Alltags klagen, wiegen uns gern in der bildschönen Illusion, dass zumindest die Liebe eine Freizone sei, in der „alles anders“ und erlaubt wäre.

Tatsächlich gibt es aber ungeschriebene „Gesetze“ der Liebe, die auch der größte Freigeist nicht umstoßen kann. Eines der ersten und grundlegendsten Gesetze ist sicherlich das Gesetz nicht der Gemeinsamkeit, sondern der Eigenständigkeit. Philosophisch gesehen, muss man erst ein Ich sein, bevor man mit einem Du zu einem Wir werden kann: Gemeinschaft gründet auf einem reifen und gesicherten Selbstsein, auf der Integrität Ihrer eigenen Persönlichkeit.

Dass ein geheimnisvoller Anderer plötzlich das als unvollständig empfundene Ich komplettieren kann, funktioniert vielleicht als Betörung im Titelsong eines Bondgirls, aber nicht im wirklichen Leben. Auch Tests und Interviews belegen: Eigenständige und autonome Menschen erfahren mehr Erfolg in der Partnerschaft erfahren (und können sich so manche Missgriffe ersparen).

Sozialpsychologen sprechen hier von hohen Autonomiewerten. Sie haben festgestellt, dass Paare, die neben der Zuneigung füreinander auch einen hohen Autonomiewert aufwiesen, viel öfter als andere angaben, zufrieden mit der Beziehung zu sein. Zufriedenheit ist also nicht nur eine schöne Konsequenz der „Gefühle“, sondern auch ein Gutteil gelebter Eigenständigkeit.

Neben der elementaren Grundregel, dass man auch ohne den Anderen ein vollständiger und glückfähiger Mensch sein muss, gibt es viele kleine, abgeleitete Regeln für Paare. Diese sind heute nicht mehr von außen vorgegeben und daher schwer fassbar, muss sich doch jedes Paar – und im Laufe seiner Beziehung mehrmals – selbst damit auseinander setzen, sie zu finden.

Er will abends noch mit Freunden weggehen, sie möchte mit der besten Freundin in die Sauna? So banal es klingt, aber bereits hier gibt es für viele Paare Streitpunkte. Die Liebe, sagt ein russisches Sprichwort, ist wie ein Glas: zu fest gehalten, zerbricht es, und zu locker angefasst, zerbricht es auch. Es geht also um Sie, wie Sie und Ihr Partner das fragile „Glas“ Liebe in Ihrem Alltag halten wollen.

Dafür brauchen Sie tatsächlich Regeln; doch Regeln aufzustellen, klingt höchst unlustig. Wer möchte schon sein Privatleben nach einem strikten Stundenplan richten, Do’s and Dont’s aufstellen, gleichsam buchhalterisch Aktiva und Passiva verwalten? So ernüchternd wie diese Vision ist es nicht. Im Gegenteil: der Prozess, Regeln aufzustellen, ist beziehungsstärkend und gehört nicht umsonst zum Standardrepertoire der Paarberater.

Mehr noch, Sie gewinnen sicherlich tiefe Einblicke in Ihre Bedürfnisse. Wer sind Sie wirklich, was brauchen Sie? Wie sieht Ihre Vorstellung von Glück aus? Es kann eine spannende Entdeckungsreise zu Ihrem Ich und dem Ihres Partners sein. Bedenken Sie: Ihre Beziehung gründet ja schon auf Freiheit, auf der existentiellen Freiheit, Ja zum Anderen zu sagen, und nun geht es darum, wie Sie beide diese gemeinsame Freiheit leben wollen.

Auch das können Sie selbstständig und kreativ entscheiden. Indem Sie gemeinsam herausfinden, was für Sie beide ein Muss in der Beziehung ist, erkennen und definieren Sie sich auf einem ganz wesentlichen Niveau. Schwieriger wird es, wenn der soziokulturelle Hintergrund verschieden ist. Und das gilt erst recht dann, wenn Freiheit und Erotik im Spannungsverhältnis stehen.

Wo beginnt, wo endet Untreue? In der Renaissance gab es ein berühmtes Sprichwort: „Die Augen, Lippen und Hände eines Mannes machen den Ehemann nicht zum Hahnrei“ – und man kann sich vorstellen, wie ausgelassen das manche elegante Donna und mancher stolze Edelmann auch lebte. Doch heute ist die Definition, wann und wo ein Treuebruch vorliegt, fern von gesellschaftlichen Vorgaben den einzelnen Paaren überlassen.

Deren Vorstellungen gehen weit auseinander: für manche ist bereits das Denken an einen anderen Menschen ein Treuebruch, für andere ein Kuss, für nochmals andere erst Sex, wiederum andere verzeihen die Gewohnheit gewordene Daueraffäre, drohen aber mit der Scheidung, sobald der Partner im Theater einer unbekannten Anderen vielsagend zuzwinkert.

Auch der Zeitgeist spielt eine Rolle. Bis ins neunzehnte Jahrhundert war eine gewisse planvolle sexuelle Freizügigkeit auch für fest Liierte oder verheiratete Paare fast schon eine soziale Konvention, ein „Muss“: die meisten verheirateten Frauen hatten, ganz offiziell, einen Liebhaber, die Männer hielten eine Geliebte. Diese Dreiecksbeziehungen gefährdeten die Hauptbeziehung aber nicht, sondern halfen im Gegenteil dabei, sie zu stabilisieren. Das war auch sinnvoll, waren doch die meisten Beziehungen reine „Vernunftehen“. Wir haben heute mit unserer Wunschvorstellung der „Liebesehe“ oder Liebesbeziehung eine viel höhere Hypothek zu tragen: für viele gilt, da der Partner ja zugleich der Geliebte sein soll, die Ausschließlichkeit von anderen Beziehungen.

Wichtig: ein gleiches Toleranzniveau

Wir alle kennen das Klischeebild des sizilianischen Machos, für den die erotische Siesta mit der Geliebten ein sportliches Unterfangen und prahlerischer Beweis seiner Männlichkeit ist, der seine züchtig-zugeknöpfte Donna zu Hause aber eifersüchtig bewacht, wenn sie nur kurz dem greisen Nachbarn Pepe zulächelt.„Mann“ darf sich sexuell austoben, für Frauen gilt dies aber als deklassierend.

Diese alte Doppelmoral ist jedoch kein fragliches Privileg südlicher Urlaubsgefilde. Auch in Deutschland gibt es nach wie vor gesellschaftliche Stereotypen des persönlichen Freiraums, der Männern und Frauen heute zugestanden wird. In ländlichen Regionen ist dieser Unterschied dabei immer noch größer als im vorstädtischen oder urbanen Gebiet: was Männer „dürfen“, gesteht man Frauen noch lange nicht zu.

Doppelmoral und Konservativismus ist jedoch nicht nur eine soziale Frage von Stadt oder Land, sondern auch ein Vexierspiel beim Kennenlernen. Vor einer Überraschung ist man nie gefeit: ausgerechnet der wuschelköpfige Kreative kann sich als sturer Reaktionär entpuppen, der glaubt, Frauen gehörten an den Herd, der gleichzeitig im Schlafzimmer steht. Und manche erfolgsorientierte Businessfrau ist tief in ihrem Innern höchst konservativ und geneigt, im familienbetonten Traditionalismus aufzugehen, wenn ihr der – sicher hoffnungslos mit einer Erwartungshaltung überfrachtete – „Richtige“ über den Weg läuft.

Die Zeit zeigt es! Erst wenn Sie Ihren Partner besser kennen lernen, verstehen Sie, welches Toleranzniveau er oder sie tatsächlich auslebt. Gleichwohl – in Ihrer aktuellen Beziehung sollten Sie darauf achten, dass Sie und Ihr Partner ein gleiches Toleranzniveau besitzen. Hier gilt das Fairness-Prinzip: was der eine darf, darf auch der andere.

Grenzen ziehen ist oft eine Machtfrage! Wer Grenzen setzt, begrenzt so den Partner und signalisiert ihm: bis hierher und nicht weiter. Das ist grundsätzlich legitim, sollte aber als partnerschaftlicher Prozess von beiden maßgeblich mitbestimmt werden. Denn diese Grenzen sind, wie Sie schon gesehen haben, ein wesentlicher Ausdruck Ihrer Persönlichkeit und ihrer psychischen Bedürfnisse. Deshalb gilt: Lassen Sie die Beziehung nie nur von Ihrem Partner definieren, und maßen Sie sich andererseits auch selbst nicht an, eigenmächtig über Ihre gemeinsame Basis zu bestimmen.

„Wie es Euch gefällt“

Manche Paare legen zu Beginn ihrer Beziehung als Regel fest, dass Treue ein absoluter Wert ist und so bei Regelbruch die Beziehung entwertet wird. Andere beschließen, eine offene Beziehung zu führen. Psychologen sind heute – sehr im Gegensatz zu früheren Zeiten – großenteils davon abgekommen, die sexuelle Gestaltung einer Beziehung moralisch zu bewerten.

Als gut gilt einfach, was zwei erwachsene Menschen in Übereinkunft für sich festlegen. Erlaubt ist es auch hier, in gut shakespearianischer Manier, „wie es euch gefällt“. Das gilt nicht nur für den, emotional immer hoch besetzten, sexuellen Bereich, sondern grundsätzlich für alle anderen Regeln, die Gemeinsames in der Partnerschaft definieren wollen. Der Respekt vor dem Partner sollte es zur Selbstverständlichkeit machen, dass das einmal Festgesetzte dann auch eingehalten wird. Sprich: „Regelbrüche“ sind tabu.

„Ausbrechen“ erlaubt?

„Deine Liebe klebt – du gehst mir auf den Geist!“ röhrte Deutschrocker Herbert Grönemeyer kernig in den Neunzigern. Sein Unmut über eine distanzlose, „klammernde“ Partnerin ist auch heute noch aktuell. Laut einer Befragung des Meinungsforschungsinstitutes Allensbacher zum Thema „Freiheit“ gaben 2005 über 48% aller Deutschen an, dass ihnen selbstständige Entscheidungen und eine freie Gestaltung, auch in der Beziehung, das Wichtigste im Leben seien. Viele beklagen sich darüber, schon einmal einen Partner gehabt zu haben, der ihre Geduld mit Eifersucht und übertriebener Anhänglichkeit bis zum äußersten hin strapazierte.

Der Partner klammert – was tun?

Was ist zu tun, wenn Sie feststellen, dass Sie sich durch Ihren Partner eingeengt fühlen? Wenn, trotz in Zeiten der Ausgeglichenheit aufgestellter partnerschaftlicher Regeln, immer wieder Grenzüberschreitungen vorkommen? Wenn zum zehnten Mal grundlos die abendliche Heimkehrstunde diskutiert, der beste Freund als Nebenbuhler dramatisiert, der harmlose Vereinstreff als Beziehungskiller fehlinterpretiert wird?

Falsch wäre es jetzt, sofort einen Streit zu provozieren, der zum Unbehagen noch das Unverständnis addiert. Psychologisch gesehen richtig ist eine kritisch offene Haltung dem Partner gegenüber, die Ihren Freiraum konsequent beibehält, aber dem Partner die nötige Beachtung schenkt. Wichtig ist: Erkennen Sie das Bedürfnis hinter dem Verhalten. Ihr Partner kontrolliert Ihre private Post in der Regel nicht einfach, um Sie zu schikanieren, und Ihre Partnerin ruft Sie nicht aus reiner Nervigkeit abends dreimal auf dem Handy an, um sich zu vergewissern, wann Sie aus dem Büro nach Hause kommen.

Hinter solchen Verhaltensweisen stecken Ängste – aus der Vorgeschichte der Beziehung resultierende tiefe Verlustängste, aber auch persönliche Unsicherheiten, die schon aus der Gegenwart stammen. Wer gerade erst eine als persönliche Niederlage empfundene Situation wie Kündigung, Treuebruch oder gesundheitliche Probleme erlebt hat, wird den (neuen) Partner als vermeintlich letzte Sicherheit im Leben stärker beanspruchen und neigt stärker zu Grenzverletzungen und Distanzlosigkeiten. Auch persönliche Gründe können eine große Rolle spielen: stark „klammernde“ Personen sind oft selbstunsicher und eher passiv. Der Partner, der mehr Angst hat als der andere, kann dominant und manipulativ werden, oder aber sich selbst verleugnen – auf jeden Fall ist Ihre Beziehung innerlich gefährdet.

Wer mit einem Partner zusammenlebt, der solche Ängste hat – oder wer selbst solche Ängste hat – sollte dieses Risiko am besten frühzeitig erkennen. Spätestens, wenn einem der beiden aus Mangel an Freiheit fast „die Luft ausgeht“, ist eine Paarberatung die richtige Methode.